Abkühlen statt Aufwärmen!

Immer wieder wird behauptet, dass das Aufwärmen vor dem Training eine Notwendigkeit sei, da ansonsten Verletzungsgefahren und Leistungseinbußen drohen.                          Ist das wirklich so?

Gerne wird dabei der menschliche Körper mit einem Motor verglichen, der erst „warmlaufen“ muss, bevor er belastet werden darf. Der Vergleich hinkt nicht nur, er ist falsch. Der Körper ist kein Motor, sondern ein biologisches, sich selbst regenerierendes System. Ein Motor funktioniert völlig anders. Dampfmaschinen und Explosionsmotoren beispielsweise sind mechanische Systeme, die Hitze in mechanische Energie umwandeln. Je größer die Hitze, umso größer die resultierende mechanische Energie.

Biologische Systeme können Hitze nicht in andere Energieformen umwandeln. Sie setzen zwangsläufig  Hitze frei, jedoch als überflüssiges und leistungshemmendes Produkt. Darin besteht der grundlegende Unterschied von mechanischen zu biologischen Systemen.

Ein weiterer Unterschied in der Temperaturabhängigkeit biologischer Systeme. Leben reagiert äußerst sensibel auf Temperaturschwankungen. Der menschliche Körper versucht mit allen Mitteln eine konstante Temperatur um 37 Grad zu halten. Steigt die Muskeltemperatur nämlich über 43 Grad Celsius - also nur sechs Grad über die Normaltemperatur -, gerinnt das Muskeleiweiß und der sofortige Tod tritt ein. Um diese Wärmekatastrophe abzuwenden, wehrt sich das System mit Oberflächenabkühlung durch schwitzen. Dieses ist der einzige Zweck des Schwitzens.

Die Annahme, dass mit dem Aufwärmen das Verletzungsrisiko sinke, hat sich als nicht stichhaltig erwiesen. Dies ist nicht verwunderlich, denn Verletzungen haben – abgesehen von Einwirkungen äußerer Gewalt – nur eine Ursache: schnelle, d.h. ruckartige Bewegungen und damit Belastungsspitzen über der Bruchlast des Gewebes.

Was das Leistungsvermögen anbelangt, so werden Sie auf dem Ergometer eine geringere Leistung erbringen als auf dem richtigen Fahrrad draußen. Warum? Weil auf dem Ergometer der kühlende Wind fehlt. Wärme ist ein leistungslimitierender Faktor. Diese Erkenntnis ist uralt. In den Trainingsalltag hat sie offensichtlich noch nicht Einzug gehalten. Sonst gäbe es nicht, die verschwitzten, vermummten Gestalten auf Trimmpfaden, in Turnhallen, Stadien und Fitnesszenteren, die selbst im Sommer ihre „Aufwärmarbeit“ in Kollapsnähe nicht missen mögen.

 

Quelle: Werner Kieser; ISBN: 3-453-17424-0