Schattenseite der Medizin

20 bis 40 Prozent aller Patienten, heißt es in der renommierten Medizinzeitschrift „New England Journal of Medicine“, werden medizinischen Prozeduren ausgesetzt, die ihnen keinen oder keinen nennenswerten Nutzen bringen.

Es geht um Heilversuche, von denen schon vorher klar ist, dass sie sinnlos oder gar abträglich sind. Es geht um Schwindel im System. Die Wirksamkeit keiner einzigen Substanz konnte wahrscheinlich gemacht, geschweige denn belegt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Hals – Nasen – Ohren – Heilkunde schlägt die einträgliche Infusionstherapie, die ihren Mitgliedern und anderen Ärzten jedes Jahr schätzungsweise knapp 500 Millionen Euro einspielt, in einer Leitlinie vor – und rechtfertigt das mit „Intuition“ und „persönlicher Erfahrung“.

Die Weltgesundheitsorganisation hält gerade einmal 306 verschiedene Wirkstoffe für unentbehrlich. In Deutschland aber sind über 2300 Substanzen in mehr als 52000 Darreichungsformen auf dem Markt. Im Land der Pillenschlucker ist der Pro – Kopf – Verbrauch an Medikamenten seit 1950 um mehr als das 20fache gestiegen, die jährlichen Aufwendungen der Kassen für Arzneimittel betragen mittlerweile mehr als 21 Milliarden Euro.

Ältere Menschen werden in krassen Fällen mit bis zu 60 Substanzen gleichzeitig behandelt. „Polypragmasie“ nennen Ärzte so etwas: das Verschreiben einer Fülle von Arzneien ohne Konzept und Priorität. „Die klinische Medizin“, war im Fachblatt „Lancet“ zu lesen, „scheint aus einigen Dingen zu bestehen, die wir wissen, und aus einigen Dingen, die wir zu wissen glauben (aber es vermutlich nicht tun), und vielen Dingen, die wir überhaupt nicht wissen.

So ist es in Kliniken Standard, Frauen, die unter Brustkrebs leiden, Lymphknoten aus den Achselhöhlen chirurgisch zu entfernen. Dieses gut gemeinte „Ausräumen“ soll das Krebsleiden eindämmen. Doch wie Studien ergaben, bringt der Eingriff keinerlei Überlebensvorteil. Aber er fügt den Frauen Narben und offenbar größere Schmerzen zu, als vielen Operateuren bewusst ist. Statt zu helfen, verschlechtert die Operation die Lebensqualität, sagen Mediziner vom Klinikum Großhadern der Universität München.

 „Derzeit sind für weniger als 15 Prozent aller Fragen in der Chirurgie Daten aus randomisierten kontrollierten Studien verfügbar.“ Übersetzt bedeutet das: Für sechs von sieben Operationsmethoden fehlen bis heute belastbare Daten, ob es nicht womöglich ratsamer wäre, den Eingriff von vornherein zu unterlassen.

Ein weiteres Beispiel ist die Roboter – Chirurgie: Ganze zehn Jahre lang wurden von so genannten Robodocs Abertausenden vom Bundesbürgern künstliche Hüftgelenke eingesetzt. Wissenschaftliche Studien, ob die Maschine dies überhaupt besser kann als Operateure aus Fleisch und Blut, liefen zwar in den USA. Aber auf die Ergebnisse mochten die deutsche Doktoren nicht warten. Etwa 90 deutsche Kliniken haben in den vergangenen Jahren einen Robodoc zum Stückpreis von ungefähr einer halben Million Euro angeschafft. Vor einem Jahr wurden die Geräte dann aufgrund von Patientenprotesten und Klagen stillgelegt: Die Roboten hatten überdurchschnittlich häufig Muskeln und Nerven beschädigt oder gar zerfetzt – in den USA indes warten die Apparate aus Sicherheitsbedenken erst gar nicht an Patienten gelassen worden.

Die Schlüssellochvariante verbreitete sich dermaßen schnell, dass kritische Ärzte argwöhnten, zunehmend würden auch Gesunde ihrer Gallenblase beraubt. Der Kölner Chirurg Hans Troidl etwa sagte im Herbst 1992, er sei nicht davon überzeugt, dass nur Patienten operiert würden, bei denen der Eingriff erforderlich sei. Zwei Jahre später rechnete der Chirurg Jörg Siewert auf dem Deutschen Chirurgen – Kongress in München den Kollegen vor, dass die Zahl der Eingriffe binnen zwei Jahren um 30 Prozent gewaschen sei. Diese ungesunden Auswüchse erklären die paradoxe Entwicklung der Medizin. Trotz ihres unerhörten Wachstums wird das Volk nicht gesünder.

Der Ausgabenweltmeister USA verordnet seinen Einwohnern siebenmal mehr Bypässe und pro Kopf 75 Prozent mehr Gesundheitsausgaben als der Nachbar Kanada. Die US – Bürger haben eine geringere Lebenserwartung als die Kanadier, die US – Ärzte verdienen fast doppelt so viel wie ihre kanadischen Kollegen.

Im Frühjahr 2000 streikten in Israel Krankenhausärzte viele Wochen lang. Hunderttausende Untersuchungen fanden nicht statt, Zehntausende Operationen wurden verschoben oder abgesagt. Die Notaufnahmen, Dialyseabteilungen, Krebsstationen und Abteilungen für Neonatologie und Geburtshilfe blieben geöffnet, ansonsten aber wurden die Menschen abgewiesen. Sie gingen wieder häufiger zum Familiendoktor oder blieben zu Hause. Wie eine Umfrage unter Israels größten Bestattungsunternehmen ergab, hatte das Folgen: Die Mortalität in fast allen Landesteilen sank beträchtlich, es wurde seltener gestorben.

 

Quelle: Der Spiegel 2005 – zusammen getragen von Marco Djahanbaz - DAGC e.V. (Deutsch-Amerikansche Gesellschaft für Chiropraktik e.V.)